Interview: Lehre im Reallabor

Wie können leerstehende Gebäude zu lebendigen Orten werden? Prof. Dr.-Ing. Dagmar Jäger, Professorin für Architektur an der IU Internationalen Hochschule (IU), zeigt gemeinsam mit ihren Studierenden, wie das ehemalige Stasi-Areal in Berlin-Lichtenberg neu gedacht werden kann. Im Interview spricht sie über das Reallabor-Projekt „Vom weißen Fleck zur grünen Insel“, die Verbindung von Lehre und Praxis und darüber, was sie an ihrer Arbeit als Architektin und Professorin begeistert.

Kannst Du uns ein wenig über Dich und Deinen Hintergrund erzählen? 

Bei meiner Arbeit als Architektin bewege ich mich im Bereich Bauen mit Bestand zwischen der künstlerischen Forschung, der Entwurfsforschung und dem forschenden Entwerfen. 

In experimentellen Projekten verbinde ich Theorie und Praxis. Gemeinsam mit meinem Partner habe ich mehrjährige Pilotprojekte wie die Hausbiografien auf Hiddensee, sowie einen Masterstudiengang an der BTU Cottbus mit dem internationalen Forschungsnetzwerk Reiseuni_lab gegründet. Nach drei Stationen mit projektbezogenen Professuren an Universitäten in Tallinn, Berlin und Cottbus lehre ich seit 2020 im dualen Studiengang an der IU Architektur in Berlin. 

Dagmar Jäger
An der Hochschule können Ideen vorausdenkend umgesetzt werden, die alle Beteiligten im Bauwesen herausfordern und die vor allem für den gesellschaftlichen Diskurs einen Beitrag darstellen.
Prof. Dr.-Ing. Dagmar Jäger
Professorin für Architektur an der IU Internationalen Hochschule

 Im Juli lief die Ausstellung „Vom weißen Fleck zur grünen Insel“ zur Zukunft des ehemaligen Stasi-Areals. Wie ist das Projekt entstanden und worum geht es dabei? 

Im Berlin der 1990er und 2000er Jahre war der Umgang mit leerstehenden Gebäuden ein wichtiges Thema. Auf Initiative von Architekt:innen sind in dieser Zeit Bewegungen wie die Baugruppen entstanden, die bezahlbaren Wohnraum und Eigentum geschaffen haben. Leerstehende Gewerbebauten und Ladengeschosse wurden von Kreativen, Künstler:innen und Architekt:innen besiedelt und teilweise auch von Zwischennutzungsagenturen vermittelt. 

Bei dem Stasigelände sind die Gründe für massive Leerstände trotz des großen Drucks auf dem Wohnungsmarkt bis heute komplex und nicht zuletzt auf die heterogene Eigentümerstruktur seit der Wende und eine gesamtgesellschaftlich fehlende Priorisierung von Umbaulösungen zurückzuführen. In dem ersten Reallaborprojekt mit dem Stasimuseum, dem Sanierungsträger Stattbau und Studierenden der BTU Cottbus von 2009-2010 wurden bauhistorische Analysen und städtebauliche Entwürfe vor Ort gezeigt und diskutiert. Das dreisemestrige Projekt an der IU konzentriert sich auf Vorschläge für Hitzeschutz und die Aktivierung von Leerständen durch Sockelgeschossbelebung, Mehrfacherschließung und Nutzungsmischung. Die in der Ausstellung gezeigten Fotomontagen und Diagramme visualisieren eine gemeinschaftliche Vision auf der ‚grünen Insel‘ für den heutigen „Campus der Demokratie“. Ziel des Projekts ist es, den Austausch zwischen lokalen Akteuren, den am Prozess Beteiligten und dem Sanierungsträger zu unterstützen.

Teamarbeit im Reallabor: Vorbereitung der Ausstellung „Vom weißen Fleck zur grünen Insel"
Teamarbeit im Reallabor: Vorbereitung der Ausstellung „Vom weißen Fleck zur grünen Insel"

Was lernen Studierende in so einem Reallabor-Projekt, das ihnen ein klassisches Seminar nicht geben könnte? 

In einem Entwurfsseminar werden Analysephasen und Phasen der Transformation nach- oder nebeneinander bearbeitet. In Reallabor-Projekten findet ein hochdynamischer Anpassungsprozess statt: Zwischen eigenen Vorstellungen und den von außen herangetragenen, widersprüchlichen Prioritäten.

Ein Reallaborprojekt erfordert permanente Abwägungsprozesse, die über das ganze Semester Lernvorgänge für alle Beteiligten nach sich ziehen.

Dies erhöht enorm den Schwierigkeitsgrad und ist Teil der Vorbereitung auf eigenverantwortliches Arbeiten im Team. Am Schluss gab es über die Ausstellung und das Symposium die Möglichkeit, die eigenen Ergebnisse zu hinterfragen und mit den Vorstellungen des Publikums zu überprüfen.  

Wie unterstützt Dich die IU bei so einem Projekt? 

Das Duale Studium im Fachgebiet ‚Design, Architektur und Bau‘ ist jung und hat eine hohe Dynamik. Die Hochschule bietet uns mit Studios, Werkstätten und Laboren einen Raum, der für experimentelle Projekte genutzt werden kann. Die Vernetzung der Lehrenden reicht über den eigenen Standort hinaus. In deutschlandweit rotierenden Netzwerktreffen werden Erfahrungen interdisziplinär ausgetauscht und Einblicke in die unterschiedlichen Arbeitsfelder und regionalspezifischen Themen gegeben. 

In den multifunktional bespielbaren Studios wird den Studierenden ermöglicht, in wechselnden Teamkonstellationen ihre unterschiedlichen Erfahrungen aus den Büros mit den Lernprozessen und neuen Inhalten aus den Lehrveranstaltungen zu kombinieren. 

Vor Entwürfen zu den Plattenbauten. Die Studentin Fée Warsow erläutert die Ergebnisse von ihrem Team.
Vor Entwürfen zu den Plattenbauten. Die Studentin Fée Warsow erläutert die Ergebnisse von ihrem Team.

Was motiviert Dich in Deiner Arbeit? 

In der Architektur spiegelt sich der ständige Wandel von Gesellschaft, Umwelt und Politik. Methoden und Techniken werden fortlaufend weiterentwickelt und in Entwurfsprojekten experimentiert und reflektiert. Der Erhalt und das Weiterbauen des Bestands der Nachkriegsjahre ist eine große Herausforderung für unsere Gesellschaft. Die Antworten dafür müssen im Spannungsfeld von Wünschen und Möglichkeiten entwickelt werden. Meine drei Kernanliegen als Architektin – die behutsame Umnutzung von Bestehendem mit Einbindung sozialer Kontexte, Konzepte zur Klimaanpassung einschl. zirkulärer Bauprinzipien, und zuletzt Bezahlbarkeit durch Low-tech – bearbeite ich im Wechselspiel zwischen Lehre und Praxis. An der Hochschule können Ideen vorausdenkend umgesetzt werden, die alle Beteiligten im Bauwesen herausfordern und die vor allem für den gesellschaftlichen Diskurs einen Beitrag darstellen.

Mehr über Dagmar Jäger und ihre Arbeit zum ehemaligen MfS-Areal findest du hier.

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