Interview: Pride in der Lehre
Ein Gespräch über Pride, Soziale Arbeit und die Bedeutung von Vielfalt in der Hochschullehre.
16. Juni 2026
Wie können Hochschulen dazu beitragen, Vielfalt sichtbar zu machen und gesellschaftliche Teilhabe zu stärken? Welche Rolle spielen Pride, Solidarität und soziale Gerechtigkeit in der Lehre?
Darüber haben wir mit Prof. Dr. phil. Kerstin Oldemeier gesprochen. Als Soziologin und Professorin für Soziale Arbeit an der IU Internationalen Hochschule (IU) beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit sozialen Ungleichheiten und queeren Lebensrealitäten. Im Interview spricht sie darüber, warum der Pride-Month weit mehr als ein Feiermonat ist und wie diese Themen ihren Blick auf Forschung, Lehre und gesellschaftliches Engagement prägen.
Hi Kerstin, schön, dass Du da bist! Wer bist Du und was lehrst Du an der IU?
Ich bin Soziologin und Professorin für Soziale Arbeit am Standort München. Schon während meines Studiums haben mich Fragen sozialer Ungleichheit, gesellschaftlicher Teilhabe und Marginalisierung besonders beschäftigt, Themen, die mich bis heute in Forschung und Lehre begleiten.
Seit mehr als zehn Jahren befasse ich mich nun aber wissenschaftlich vor allem mit queeren Lebenswirklichkeiten, insbesondere denen von jungen Menschen. Darüber hinaus war ich mehrere Jahre in der Queerpolitik auf Bundes- und Landesebene tätig und habe unter anderem die parlamentarische Begleitung des Selbstbestimmungsgesetzes mitgestaltet.
In meiner Lehre bewege ich mich zwischen empirischer Sozialforschung, Sozialpolitik, Soziologie sowie Themen der Kinder- und Jugendhilfe. Gerade diese Vielfalt schätze ich sehr: Sie eröffnet die Möglichkeit, gesellschaftlich relevante Fragestellungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und gemeinsam mit Studierenden kritisch zu diskutieren.
Was hat Dich zur Sozialen Arbeit gebracht?
Mich begeistert an der Sozialen Arbeit die Verbindung von wissenschaftlicher Analyse und konkretem gesellschaftlichem Handeln. Kaum eine andere Disziplin beschäftigt sich so unmittelbar mit Fragen von Teilhabe, Gerechtigkeit und Menschenrechten. Zur Sozialen Arbeit hat mich auch der Wunsch geführt, gesellschaftliche Herausforderungen nicht nur zu beobachten, sondern aktiv mitzugestalten. Besonders spannend finde ich dabei die Verbindung von individueller Unterstützung und gesellschaftlicher Veränderung.
Was bedeutet der Pride Month für Dich persönlich und beruflich?
Der Pride Month steht für mich für Sichtbarkeit, Anerkennung, Solidarität und Menschenrechte. Er macht deutlich, dass gesellschaftliche Fortschritte oft über viele Jahre intensiv erkämpft werden mussten und dass die Gleichstellung sowie Sicherheit queerer Menschen auch heute keine Selbstverständlichkeit sind.
Deswegen ist es so besonders besorgniserregend, dass wir in den vergangenen Jahren auch in Deutschland wieder vermehrt Anfeindungen und Angriffe auf Christopher Street Days erleben. In vielen anderen Ländern gehört das ja schon lange zur Realität. Diese Entwicklungen machen sehr deutlich, wie wichtig es ist, demokratische Werte und Menschenrechte aktiv zu verteidigen.
Beruflich erinnert mich der Pride Month daran, wie alltagsrelevant die Auseinandersetzung mit Diskriminierung, Ausgrenzung und sozialer Ungleichheit für viele Menschen ist. Themen, die ja auch für die Soziale Arbeit von großer Bedeutung sind. Persönlich ist er für mich einerseits ein Zeichen dafür, dass gesellschaftlicher Wandel möglich ist. Andererseits wird im Pride Month aber auch sichtbar, dass auf dem Weg zu Selbstbestimmung, Anerkennung, Teilhabe und Chancengleichheit noch viel zu tun bleibt.
Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Queerfeindlichkeit, die sich sowohl politisch als auch gesellschaftlich beobachten lässt, halte ich es übrigens für wichtiger denn je, dass sich gerade auch nicht-queere Menschen sichtbar solidarisch zeigen. Der Pride Month war nie nur Party, sondern auch immer eine Aufforderung, sich für eine offene, demokratische und vielfältige Gesellschaft einzusetzen.
Wie prägt Deine Perspektive Deine Lehre und den Umgang mit Studierenden?
Mein Blick auf soziale Ungleichheiten prägt sowohl meine Forschung als auch meine Lehre. Ich möchte Studierende dazu ermutigen, gesellschaftliche Strukturen und Institutionen kritisch zu hinterfragen und professionelle Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Dabei begegne ich Studierenden auf Augenhöhe. Mir ist wichtig, unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen und gemeinsam kritisch über gesellschaftliche Fragen nachzudenken.
Und zum Schluss: Warum ist die IU für Dich ein guter Ort zum Lehren und Wirken?
Die IU bietet auch vielen Menschen einen Zugang zu akademischer Bildung, die sonst vielleicht keinen klassischen Studienweg gewählt hätten. Diese Vielfalt an Erfahrungen und Perspektiven empfinde ich als große Bereicherung für die Lehre. Außerdem bietet die IU viel Raum, aktuelle gesellschaftliche Themen in den Hochschulkontext einzubringen. Das macht es möglich, gemeinsam mit Studierenden an Fragen zu arbeiten, die für die Praxis und die Gesellschaft wirklich relevant sind.
Danke, dass Du dabei bist, Kerstin!
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