Interview: Wie wird man Professor, wenn der Weg nicht vorgezeichnet ist?

Prof. Dr. Inan Ince ist Erstakademiker und lehrt heute als berufener Professor an der IU Internationalen Hochschule (IU).

Prof. Dr. Inan Ince sagt von sich, dass er heute seinen Traumjob hat, obwohl lange nichts darauf hindeutete, dass er dort ankommen würde. Er ist in Berlin zwischen Neukölln und Kreuzberg als Kind einer Einwandererfamilie aufgewachsen, in der Arbeit im Schichtdienst den Alltag bestimmte. Nach Realschule, IT-Ausbildung, Wehrdienst und Studium hat er sich in der Forschung zunächst vergeblich beworben, bis ihm ein Professor eine Chance gab.

Im Gespräch mit uns hat er herzlich, humorvoll und sehr offen erzählt, wie er seinen Weg gefunden hat, was er daraus für seine Lehre mitnimmt und warum er sich als First-Generation-Akademiker (also als Erster in seiner Familie an der Hochschule) bei uns gemeldet hat.

Hallo Inan, schön, dass Du dabei bist. Erzähl uns kurz, wer Du bist und was Du an der IU machst. Was hat Dich motiviert, Deine Geschichte mit uns zu teilen? 

Gerne! Ich bin Professor im dualen Studium am Campus Stuttgart für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und IU-weit Modulverantwortlicher für Buchführung und Bilanzierung. Mein Hintergrund liegt eigentlich im Nachhaltigkeitsmanagement, in dem ich auch promoviert habe und dazu kommen marketingnahe Fächer, interkulturelles Management und Projektmanagement.

 

Meine Geschichte teile ich gern, weil es in meinem Leben viele Hürden gab, die mich lange glauben ließen, dass es für mich keinen Weg in diese Richtung gibt. Das lag nicht daran, dass mich jemand für zu dumm hielt, sondern an den Lebensumständen und wenn ich damit Menschen mit einem ähnlichen Hintergrund etwas mitgeben kann, freut mich das besonders.

 Wenn Du berichten magst: Nimm uns mit in Deine Kindheit und Jugend. Wo und wie bist Du aufgewachsen? 

Ganz klischeehaft bin ich in Berlin zwischen Neukölln und Kreuzberg geboren und aufgewachsen, als Kind einer Einwandererfamilie. Meine Eltern haben beide gearbeitet, oft im Schichtdienst, sodass wir sie nach der Schule meist erst spät gesehen haben. Einen akademischen Weg gab es bei uns nicht und für mich stand fest, dass ich zur Schule gehe, eine Ausbildung mache und bis zur Rente arbeite, was ja nichts Schlimmes ist, aber so sah meine Welt damals eben aus. Unsere Eltern haben meinem Bruder und mir nie Druck gemacht, uns in eine bestimmte Richtung zu entwickeln. Ich bin voller Dankbarkeit, dass sie uns jederzeit unterstützt haben, wo sie nur konnten. In der Schule lief es nicht gut, denn meine Noten waren mäßig und ich war oft so unruhig, dass ich häufiger aus dem Klassenraum geschickt wurde. Mit „Ach und Krach“ bin ich dann auf die Realschule gekommen.

Inan sammelt während der Schulzeit erste Arbeitserfahrung.
Inan sammelt während der Schulzeit erste Arbeitserfahrung.

Was hat Dich schließlich dahin gebracht, wo Du heute bist, als Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit einer beeindruckenden wissenschaftlichen Karriere? 

Ich habe eine IT-Ausbildung gemacht und bin ausgebildeter IT-Elektroniker, habe aber schon währenddessen gemerkt, dass das nicht meine Welt ist. Fertig gemacht habe ich sie trotzdem, um etwas in der Hand zu haben. Danach habe ich so lange gezögert, mit dem Arbeiten anzufangen, dass ich zum Wehrdienst eingezogen wurde. In dieser Zeit habe ich erfahren, dass ich mit meiner Ausbildung auch etwas studieren darf und dass es duale Studiengänge gibt. Meine Noten hätten es eigentlich nicht hergegeben, aber ich hatte schon einen Praxispartner, was mir bei der Immatrikulation sehr geholfen hat.

 

Als ich zum ersten Mal in den Hörsaal kam, hat sich für mich eine Welt geöffnet, und irgendetwas in mir hat gesagt, dass das meine Welt sein wird. Dass es BWL war, war mir anfangs egal und die Begeisterung kam erst allmählich, aber dann ging es mit einem Semester in Japan, einem englischsprachigen Master und der Mitarbeit an einem Lehrstuhl weiter. Ich habe mich dann deutschlandweit beworben und fast nur Absagen bekommen, bis sich ein Professor gemeldet hat, mein späterer Doktorvater. Er hat erkannt, dass ich für die Forschung brenne, und hat mich gefördert, wofür ich ihm bis heute dankbar bin. Meine Promotion habe ich mit magna cum laude abgeschlossen, und darauf bin ich bis heute mächtig stolz.

 

Als Kind habe ich lieber gelesen und geschrieben, statt draußen zu spielen. In der Forschung habe ich dann gesehen, dass das etwas ganz Normales ist und dass man damit sogar eine Karriere aufbauen kann. Nach der Promotion war ich zunächst in der Unternehmensberatung, die mich aber nicht ausgefüllt hat. Die IU kannte ich schon aus meiner Studienzeit als Tutor und als ich später eine Ausschreibung sah, habe ich mich beworben und bei der Zusage kaum einen Herzschlag gezögert. Heute habe ich meinen Traumjob und es gibt keinen anderen, den ich lieber machen würde.

Drei Stationen auf Inans Weg: Inan als IT-Elektroniker in der Ausbildung (links), mit seinem Doktorvater Prof. Dr. Rüdiger Hahn (Mitte) und bei einem Vortrag auf einer internationalen Konferenz (rechts).
Drei Stationen auf Inans Weg: Inan als IT-Elektroniker in der Ausbildung (links), mit seinem Doktorvater Prof. Dr. Rüdiger Hahn (Mitte) und bei einem Vortrag auf einer internationalen Konferenz (rechts).

Was würdest Du sagen, machst Du in der Lehre anders, weil Du diesen Weg gegangen bist? 

Ich verstehe gut, wie Studierende ticken, die nicht aus dem Bildungsbürgertum kommen. Ich habe oft in meiner eigenen Studienzeit erlebt, dass Professorinnen und Professoren fachlich korrekt, aber in einem Jargon gesprochen haben, der die Studierenden nicht erreicht und ich bin überzeugt, dass der Lernerfolg nicht nur von den Studierenden abhängt, sondern dass Lehrende einen sehr großen Einfluss haben.

 

Darum nehme ich einzelne Studierende gern an die Hand und orientiere mich an den etwas Langsameren, ohne bei der Qualität zu sparen. Ich arbeite mit Metaphern und Eselsbrücken und nutze Tools wie Mentimeter oder Kahoot, denn eine Vorlesung, in der jemand nur Folien abliest, fand ich schon als Student langweilig. Man muss die Menschen begeistern, und dafür braucht man selbst Leidenschaft für den Job. (Einen humorvollen Einblick in Inans Lehre gibt dieses TikTok-Video mit seinen Studierenden.)

Inan Portraitbild
Ich erzähle meinen Studierenden gern, dass Buchführung der einzige Kurs in meinem ganzen Studium war, den ich nicht im Erstversuch bestanden habe und heute bin ich dafür Modulverantwortlicher.
Prof. Dr. Inan Ince
Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der IU Internationalen Hochschule

„Weil Du’s kannst“: Was möchtest Du Menschen mit auf den Weg geben, die diesen Satz gerade brauchen? 

Intelligenz ist eine tolle Sache, aber bei Weitem nicht das einzige Maß aller Dinge. Wer Interesse, Ausdauer, Fleiß und Begeisterung mitbringt, für den wird Arbeit mehr oder weniger zum Vergnügen und das ist für den Erfolg viel maßgeblicher.

 

Nutzt lieber die Ressourcen, die Ihr habt, statt Euch nur darüber zu beschweren, wie unfair das System ist. Das kann durchaus stimmen, aber wenn man ohnehin nichts ändern kann, bleibt nur, sich auf das zu konzentrieren, was man hat. Der Spruch „Du kannst alles schaffen, Du musst es nur wollen“ ist Quatsch, denn neben dem Wollen musst Du auch etwas dafür tun, also wollen und handeln statt wollen und meckern.

 

Und was die Finanzierung angeht, kann ein duales Studium sehr helfen. Bei mir waren es das Taschengeld vom Praxispartner, BAföG, ein bisschen Hilfe von den Eltern und Nebenjobs und wenn ich noch einmal wählen könnte, würde ich wieder das duale Studium wählen.

Wenn Du an die nächste Generation in Deiner Familie denkst, wünschst Du Dir, dass sie Deinen Weg weitergeht?

Ich würde mich natürlich freuen, wenn meine Kinder eines Tages in meine Fußstapfen treten, auch wenn der Weg zur Professur viel Durchhaltevermögen verlangt. Am meisten würde es mich aber freuen, wenn sie wie ich einen Beruf finden, der sie erfüllt, ganz gleich, ob er akademisch ist oder nicht.

Zum Schluss: Gibt es noch etwas, das Du ergänzen möchtest?

Vielleicht, dass man nicht nur in Karrierebegriffen denken sollte, sondern auch schauen kann, was man neben dem Beruf tun und der Gesellschaft zurückgeben kann. Ein Beispiel dafür ist mein Podcast, den ich ohne Gewinnabsicht betreibe und der ohne den Professorentitel wahrscheinlich nicht entstanden wäre. Ich glaube nicht an Karma, wohl aber daran, dass ein positiver Kreis entsteht, wenn man selbst etwas gibt, und wer Veränderung will, erreicht sie als Teil dieses Systems.

Mehr von Inan gibt es in seinem Podcast „Blume & Ince – 2 Stimmen, 4 Kulturen“ mit seinem Freund Dr. Michael Blume. Ein Beispiel ist Folge 47, in der Inan mit zwei frischgebackenen Absolvent:innen über das Studieren in Zeiten von KI-Tools spricht.

Inan nimmt mit zwei Absolvent:innen des dualen Studiums eine Folge für seinen Podcast auf.
Inan nimmt mit zwei Absolvent:innen des dualen Studiums eine Folge für seinen Podcast auf.

Studierende zu begeistern, so wie Inan es tut, und dabei die eigene Geschichte einzubringen. Das kannst Du auch.

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