Was hat eine Hochschule auf der Gamescom zu suchen?

Ein Gespräch mit Mycha Schekalla, Lehrbeauftragter für Game Design und Mediendesign an der IU Internationalen Hochschule (IU).

Gamescom 2026: Zwischen Spiele-Releases und vollen Hallen stand dieses Jahr auch die IU. Mit einem Stand, den kein externer Dienstleister gestaltet hat, sondern ein IU-Dozent gemeinsam mit seinen Studierenden. Mycha Schekalla kommt aus dem Kommunikationsdesign, illustriert, animiert, und lehrt seit 2024 fest an der IU Mediendesign und Game Design. Die Gamescom war für ihn keine Marketingaufgabe. Sie war eine logische Konsequenz aus dem, was im Seminar entsteht.

Ein Gespräch über Spieleforschung, mutige Gestaltung und die Frage, was eine Hochschule auf der weltgrößten Spielemesse eigentlich zu suchen hat.

Mycha mittendrin im Talk auf der Gamescom
Mycha mittendrin im Talk auf der Gamescom

Mycha, stell Dich kurz vor. Wie bist Du überhaupt zur IU gekommen?  

Ich komme ursprünglich aus dem Kommunikationsdesign. Nach meinem Diplom 2012 habe ich viele Jahre in Agenturen und als Freiberufler gearbeitet, Grafikdesign, Corporate Design, Branding. Parallel dazu habe ich immer illustriert und mit der Zeit ist daraus auch Animation und 3D geworden. Letztendlich mündet alles in interaktiven Systemen. Heute mache ich beides. Ich lehre an der IU und nehme weiterhin Illustrationsaufträge an. Beide Bereiche befruchten sich gegenseitig. 

Zur IU bin ich das erste Mal während Corona gekommen, damals noch als Freiberufler. Ich habe zwei Praxiskurse im Mediendesign über ein Semester gegeben, dann hat sich das eine Weile etwas verlaufen. Vor gut zwei Jahren hat mich eine Professorin von der IU wieder angesprochen und seit 2024 bin ich fest angestellt, halbtags. Das Modell passt gut zu mir. Die Stelle gibt mir eine verlässliche Grundlage und meine Selbstständigkeit als Illustrator läuft daneben weiter. Wenn ein Auftrag nicht passt, kann ich auch mal Nein sagen. Diesen Druck kenne ich aus der reinen Freelance-Zeit und den brauche ich nicht mehr. 

Was macht für Dich gute Lehre aus?  

Ehrliches Feedback geben, Studierende nicht bevormunden und jede Arbeit wirklich individuell betrachten. In kreativen Bereichen kommen die Leute mit echtem Feuer. Meine Aufgabe ist, das am Leben zu halten, nicht es zu bremsen. Das Schwierige an kreativer Arbeit ist dieses Spannungsfeld. Du machst, was Du liebst, aber dann kommen Kunden, Briefings, Budgets. Ich versuche im Unterricht beides abzubilden: künstlerische Freiheit auf der einen Seite, realistische Anforderungen auf der anderen. Die Studierenden sollen herausgefordert werden und sich gleichzeitig vorbereitet fühlen. 

Mehrere Fachbereiche, ein gemeinsamer Auftritt: Kolleg:innen aus der Lehre in Game Design und Mediendesign, Sozialer Arbeit und Kindheitspädagogik haben die Messe zusammen begleitet. Im Bild von links nach rechts (Medien- und Game Design): Prof. Jörg Burbach, mycha Schekalla, Prof. Nadine Trautzsch, Dr. Stefan Simond, Dr. Oliver Herrmann, Prof. Marion Plank, Benedikt Schüler.
Mehrere Fachbereiche, ein gemeinsamer Auftritt: Kolleg:innen aus der Lehre in Game Design und Mediendesign, Sozialer Arbeit und Kindheitspädagogik haben die Messe zusammen begleitet. Im Bild von links nach rechts (Medien- und Game Design): Prof. Jörg Burbach, mycha Schekalla, Prof. Nadine Trautzsch, Dr. Stefan Simond, Dr. Oliver Herrmann, Prof. Marion Plank, Benedikt Schüler.

Wie förderst Du Kreativität konkret?  

Das Wichtigste ist für mich, Mut einzufordern. Vor allem in Erstsemesterkursen. Wer aus der Schule kommt, will Sachen richtig machen. Aber im kreativen Kontext ist genau das oft das Problem. Man muss sehr viel falsch machen, bevor man zu etwas kommt, das wirklich funktioniert. Das gilt für visuelle Arbeit genauso wie für Spielmechaniken. Man muss über den eigenen Schatten springen, und viele Dinge ausprobieren, die sich unsicher anfühlen, um Varianz in seiner Arbeit schaffen. Das ist keine benannte Methode, sondern ein ständiges Hinterfragen, das einlädt zum Weiterdenken. 

Mycha beim Stand der Gamescom der IU
Man muss sehr viel falsch machen, bevor man zu etwas kommt, das wirklich funktioniert. Das gilt für visuelle Arbeit genauso wie für Spielmechaniken. Man muss über den eigenen Schatten springen, und viele Dinge ausprobieren, die sich unsicher anfühlen, um Varianz in seiner Arbeit schaffen.
Mycha Schekalla

Öffnet der Studiengang Game Design echte Türen in der Branche?  

Ja und es wächst. Ich kenne Studierende, die nach dem Studium im Game-Design-Bereich Praktika oder Einstiege gefunden haben. Trotzdem muss sich der Studiengang noch weiter etablieren, auch in der Branche selbst. Studios gewöhnen sich gerade erst daran, dass jemand mit einem akademischen Hintergrund in diesem Bereich kommt. 

Und dann gibt es den Indie-Bereich (Indie=Independent). Ich habe selbst mitbekommen, dass sich während des Studiums kleinere Gruppen zusammengetan haben, drei bis fünf Leute, die dann gemeinsam ein Studio gegründet haben. Das passiert nicht trotz des Studiums, sondern weil es den Rahmen dafür schafft. Die Studierenden finden ihre Leute und das Studium gibt ihnen Leitplanken, die man sich sonst mühsam selbst erarbeiten müsste. Fördermöglichkeiten, Portfolioaufbau und wie man Sichtbarkeit aufbaut. Das können wir abnehmen. 

Um den Titel dieses Interviews aufzugreifen: Also, was hat eine Hochschule auf der Gamescom zu suchen?  

Die Idee kam letzten Herbst auf, von Professorin Marion Plank aus dem Game-Design-Bereich. Wir haben unsere jährliche Fachtagung Gamepathy genommen und sie auf die Gamescom verlagert, statt sie separat zu veranstalten. Gamepathy ist ein Hybrid aus Fachtagung und Game Jam und läuft schon seit einigen Jahren. Das Thema ist Empathieförderung durch Spiele. Wie können Spiele Empathie stärken? Das ist eine echte Forschungsfrage, an der das Professorium arbeitet und es gibt inzwischen sogar zwei Tagungsbände dazu. 

Aber natürlich steckt da auch mehr dahinter. Die Gamescom ist die größte Spielemesse der Welt, und sie zieht genau die Menschen an, für die Studiengänge wie Game Design, Mediendesign oder auch Soziale Arbeit relevant sein können. Als Hochschule dort präsent zu sein macht Sinn und zwar mit echten Inhalten. Am Stand gab es Spiele von Studierenden zum Ausprobieren, XR-Anwendungen, Workshops, Micro-Jams. Keine reine Hochschulmesse, sondern ein Programm, das zur Gamescom gepasst hat. 

Und den Stand hast Du gestaltet. 

Ich habe Erfahrung im Bereich Marken- und Messegestaltung, also habe ich mich gemeldet. Aber alleine wollte ich das nicht durchziehen, denn es ist ja ein Stand für die IU und für den Game-Design-Studiengang. Also haben wir eine kleine Arbeitsgruppe gegründet und Studierende direkt eingebunden. 

Die Aufgabe war: Wie übersetzt man das Thema Empathie in Spielen visuell? Eine Gruppe von Studierenden hat mit mir zusammengearbeitet, wir haben uns regelmäßig über Discord getroffen, Referenzen gesammelt, Skizzen gemacht und sind dabei ein bisschen ins Branding-Territorium reingerutscht. Das Ergebnis ist mutiger und farbenfroher als der typische weiße Hochschulstand. 

Dazu kommen die Spiele, die unsere Studierenden im Rahmen von Gamepathy selbst entwickelt haben. Der Game Jam hat ein paar Wochen vor der Gamescom über Discord stattgefunden, und die fertigen Spiele waren dann direkt am Stand zu spielen. Es gibt also einen echten Bogen von der Forschungsfrage über den kreativen Prozess bis zu fertigen Spielen. 

Volles Eintauchen am IU Stand
Volles Eintauchen am IU Stand

Bist Du eigentlich selbst ein Gamer?  

Das ist eine lustige Frage, weil ich mich nie wirklich so gesehen habe. Aber ich glaube, wir alle sind Gamer, denn wir alle spielen von Kindesbeinen an, und hören eigentlich nie damit auf. Das Bild vom Gamer als jemand, der alleine vor dem Bildschirm sitzt, ist viel zu einschränkend. Spielen gehört zum Menschsein, und es ist ein riesiges, noch viel zu wenig erforschtes Feld. Genau deshalb braucht es Game Design als Studiengang. 

Und was ist Dein Lieblingsgame? 

Wenn Du eine konkrete Antwort willst: Metal Gear Solid, PlayStation 1. Das hat mich damals wirklich gepackt, und wenn ich es heute anschaue, mit dieser pixeligen Grafik und allem, ist es faszinierend, wie viel Wirkung das hatte. Warum manche Spiele so bei einem bleiben, das ist genau die Frage, der wir mit Gamepathy auf den Grund gehen wollen. 

Was machst Du, wenn du nicht lehrst oder illustrierst?  

Ehrlich gesagt ist das eigentlich alles, was ich tue. Ich habe drei Kinder und auch zu Hause wird viel gespielt, ob analog oder digital. Das verbindet sich ganz natürlich mit dem, was ich mache und ich stelle es gar nicht in Frage. 

Ein großes Dankeschön geht an alle, die diesen Auftritt möglich gemacht haben: an mycha Schekalla für Konzept und Umsetzung des Standdesigns, an Robin Frerichs, Cordula Roth, Chiara Marker und Cindy Hilpert für die Illustrationen, an Anna Stommel, Benjamin Lorenz, Regina Rodier und Mike Thelen für die Organisation sowie an Prof. Marion Plank, Prof. Nadine Trautzsch, Prof. Jörg Burbach, Prof. Thorsten Zimprich, Dr. Stefan Simond, Benedikt Schüler und Michael Möller aus dem Game-Design-Bereich.

Mychas Weg ist eine von vielen Möglichkeiten, wie Lehren an der IU aussehen kann. Mit Raum für eigene Projekte, echte Kooperationen mit Studierenden und dem Vorteil, Theorie und Praxis direkt zu verknüpfen. Wenn Dich das anspricht: Schau Dir unsere offenen Dozenturen an.

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